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Archive für 22.11.2006
Bettelgott
22.11.2006 von Gedanquill.
Hier Unterführung, dunkel dreckig,
dort kalt beweintes Buntsteinpflaster.
Ein Bettler hockt, Klamotten speckig,
vor ihm das Mützlein für den Zaster.
Hält krumm gebeugt den Kopf gesenkt.
Sein Haar ist fettig, nicht bedeckt.
Hält vor mir sein Gesicht versteckt,
möcht sicher gerne Geld geschenkt.
Sitzt noch im Trocknen, schon im Licht
ein bessres Plätzchen gibt’s hier nicht.
Und weil ihm grad das Leben fad
liest er ein Buch ganz angestrengt,
dass er nicht so ans Betteln denkt.
Schier Stein er starrt zur guten Tat.
Erklären braucht er auch nicht viel.
Ein Pappschild klare Auskunft weiß:
Muss Betteln - ihm ein Kinderspiel
ihn Lesen lassen lohnt den Preis.
Die Mütz schon manche Münze hält
und die Lektüre scheint gewitzt.
Zufrieden blickt er auf das Geld.
Es scheint, dass er hier gerne sitzt.
Ein junger Kerl, könnt Bäume heben!
sieht wohlgenährt und kräftig aus.
Warum soll ich ihm etwas geben?
Er sieht doch so beschäftigt aus.
Ist’s etwa ein geringster Bruder,
ist Jesus, gleich, von mir beschenkt?
Trügt ohne Puder Wohlstands Luder,
geheim sich Hohn und Häme denkt:
“An Langmut leidet diese Welt:
Viel Gram im Spiel zwingt Scham zu Geld!”
Ich denk an Jesus, ruf ihn leis’.
Der Bettler liest, hat nicht gehört.
“Herr Jesus, zahl ich Dir die Speis’?”
Kein Wort den Tropf beim Lesen stört.
Scheint so beschäftigt, keine Zeit.
Ich geh aus reiner Höflichkeit.
Und später auf dem Weg nach Hause
seh ich ihn im Gespräch versunken.
Des Pappschild’s Botschaft ist nun “Pause”.
Es wird gelacht - und Bier getrunken.
Ich trotte heim, fühl mich zerrissen
Des Lasters Kosten mir zur Last!
Welch Wähnen wundet mein Gewissen?
Kein Goldstück hab’ ich angefasst.
.
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