Bettelträumer

Ach, endlich, welch ein guter Tag!
Gleich zwanzig Abos an der Tür,
Sonst ich mich mit dem Drücken plag,
doch heut lief’s gut, schlägt erst halb vier.

Jetzt schnell, in die belebte Gasse,
die Zeit will ich zum Betteln nutzen.
Mein Gott, wie ich Hausieren hasse,
und täglich diese Klinken putzen.

Es regnet, meine Füße brennen.
Wie weit bin ich denn bloß gelaufen?
Noch ein paar Euro und dann pennen.
doch vorher drängt’s mich was zu saufen.

Nur einen Kleinen, will nicht enden,
wie da die Penner an den Wänden.

Dort drüben ist es noch schön trocken,
heraus mein Schild und auch die Mütze.
Werd mich auf meine Tasche hocken,
damit ich nicht so kalt hier sitze.

Ach liebe Leut‘! Gebt nur genug!
Nur Fraß verfüttert mir mein Quäler.
ich brauch‘ ein Ticket für ’nen Zug
möcht fliehen in des Elsass Täler.

Dort melde ich mich insolvent,
rät Hotte, wegen meiner Schulden.
Ist einer, der die Tricks gut kennt,
zwei Jahre nur muss mich gedulden.

Hierzulande sind es sieben,
das ist eine lange Zeit.
Immer nur herumgetrieben!
Hass‘ es, bin das Dämmern leid.

Vielleicht werd‘ ich dann Publizist.
In diesem Buch ist’s gut erklärt.
Und wenn das gar nichts für mich ist,
dann läuft’s wie immer: Grundverkehrt.

Der Oberbonze, Nadelstreifen
warum wohl starrt er mich so an?
Kann wohl mein Elend nicht begreifen,
ich schau Ihn lieber gar nicht an.

Wie ich das hasse, ich mich schäme,
Oh, Dank! Ein Euro! Hilft mir weiter…
Wenn ich nur in das Elsass käme,
vergäß ich meinen Seeleneiter…

Da sind die ander’n, ist’s gelaufen?
Ja, geht auf Weihnacht langsam hin.
So lasst uns schnell noch einen saufen.
Mist, nichts mehr in der Flasche drin?

Um drei Viertel, Menschenskinder,
in den Bus pfercht er uns wieder.
Dieser alte Menschenschinder,
schlag‘ ihn eines Tages nieder…

11 Responses to “Bettelträumer”

  1. blogpoesie sagt:

    Be-drückend.

  2. Gedanquill sagt:

    Ist denn die Perspektive für Dich glaubhaft und stimmig?

  3. blogpoesie sagt:

    JA . . .
    beim Rhythmus komme ich das eine oder andere Mal ins Stolpern.

  4. brynhild sagt:

    Hast Du schon mit solchen Menschen gesprochen ?
    Hast Du sie hinterfragt, einige verschiedene ?
    Oder ist es nur ein Bild wie es sein könnte ?

    Es ist noch nicht einmal bedrückend, ich glaube einfach, daß diese Menschen noch viel kleiner denken, gar nicht weit (nicht bis ins Elsass und nicht bis zur Leiter), teilweise mußten sie wohl ihr Denken abschalten, denn es führt sie nicht weiter als bis zum nächsten Schnaps oder bis zum nächsten billigen Wein. Aber es hat auch unter „Jenen“ Menschen, die nicht an der Flasche hängen, vielleicht sieht man sie nur seltener.

    Dennoch – sehr gut geschrieben, formuliert, eine kleine Geschichte in Versen.

    Mit lieben Grüßen
    Brynhild

  5. Gedanquill sagt:

    Liebe Brynhild,

    Ja, ich habe mit ihnen gesprochen. Öfter habe ich zugehört, wie andere mit ihnen gesprochen haben.
    Ich habe keinen von Ihnen hinterfragt. In dem Moment, wo ich das tue, höre ich auf, sie zu verstehen.
    Aber ich habe verschiedene getroffen und gesprochen: Banker’s Söhne bei ihrer Mutprobe, Punker mit Hund, alte, verdatterte Penner, junge gedankenlose Streuner.

    Das Vorbild meiner Verse saß mir in Stuttgart am Weg, ist kein typischer Pennner und sehr jung. Ich hatte ihn gesehen und mir überlegt, welcher „gute“ Grund ihn zum Betteln gebracht haben könnte. Ich habe nicht mit ihm gesprochen. Das Ergebnis meiner Überlegungen habe ich in die Zeilen dort oben gepackt.
    Daher ist es nur ein Bild wie es sein könnte.
    Das mit dem „Pausenschild“ habe ich bei einem Penner in Aachen gesehen, das gehört eigentlich nicht zu ihm.
    In Aachen ging immer die Mär von dem Penner, der eigentlich mal Maschinenbau studiert hatte, aber durch die Prüfungen gefallen war. Genaues wußte damals keiner.

    Danke für Deine Zeilen.

    Liebe Grüße,
    Gedanquill

  6. Gedanquill sagt:

    @ Petros (Blogpoesie): Ja, du hast Recht. Da muss ich noch mal ran.

  7. brynhild sagt:

    Ich dachte mir schon, daß etwas mehr als nur im Vorübergehen lauschen – hinter den Zeilen steckt, denn auch wenn ich Dich erst kurze Zeit lese, meine ich zu spüren, daß nicht nur die Flüchtigkeit einer aufzugreifenden Thematik hinter Deinen Versen oder Worten steht.

    Liebe Grüße
    Brynhild

  8. wo ich mal arbeitete, ein gut bezahlter, anstregender job, da gab’s einen mann, der hatte diesen stress nicht mehr aushalten können, seine frau ist ihm davon gelaufen, und er fing an zu saufen, auch während den arbeitszeiten heimlich. der arbeitgeber hat ihn dann mit vielen gesprächen dazu gebracht, eine entziehungskur durchzumachen, er war 6 monate von der arbeit suspendiert, wovon er dann auch geheilt, wie er meinte, zurück kam, aber wieder im trott, die frau immer noch weg, und der stress wieder da, fing alles wieder von vorne an. es gipfelte dann in lügen (notlügen?) und ausreden, er kam immer wieder besoffen zur arbeit und hat die kunden verärgert, aufträge nicht wie besprochen erledigt, es war zum verzweifeln.
    darauf hin hatte er zu allem elend seinen job verloren, was eine riesige einbusse für ihn bedeutete, und hat keinen mehr gekriegt. handwerklich war er höchst ungeschickt und sein hirn hat ihn durch den alkohol auch verlassen. dann wurde er irgendwann ausgesteuert und weiss ich was noch alles.
    so schau‘ ich manchmal die penner an, und frage mich, ob er auch jetzt mit denen irgendwo eins sauft. vielleicht steh ich ihm eines morgens gegenüber, wie er eine warme decke um sich hat, auf einem bänklein sitzt und eine leere flasche whisky in der hand hält.
    ich fühle mich mitschuldig, und betrogen.

  9. Gedanquill sagt:

    In einer Leistungsgesellschaft sind wir in ausgeprägtem Maße selbst für die Bewahrung unserer Würde verantwortlich. Wir können ertragen, dass ein gesunder Geist abhängig von seiner Leistung auf der gesellschaftlichen Leiter hoch oder runter steigt.
    Aber es trifft uns im Herzen, wenn sich ein verletzter Geist auf diesem stark abschüssigen Parkett bewegen muss. Er stürzt, macht keine Anstalten wieder aufzustehen, oder verliert dabei die völlige Orientierung. Wir sehen ihn wie Müll auf einer Rutsche abgleiten und unten über die Kante stürzen.
    Wir müßten uns schon mit dem ganzen Leib davorwerfen, um ihn vielleicht aufhalten zu können. Aber daran hängen auch schon unsere Männer, Frauen und Kinder, vielleicht auch hilfebedürftige Familienmitglieder. Wir sehen unsere eigene Last und fragen uns,
    warum nicht die ihm nahestehenden Personen Anstalten machen ihn zu retten.
    In diesem Moment könnte er sich nur noch selbst retten,
    wenn er denn könnte…
    …zum Gück gibt es viele, die von ihren Familien im ersten Stürzen aufgefangen werden. Dann bleibt genug Zeit, ihnen „helfende“ Hilfe zu geben. Gerade, wenn die Selbstheilungskräfte wieder mobilisiert werden, können viele Wunden heilen.

  10. das hast du gut umschrieben. doch wenn man mit jemanden zusammen arbeitet, da fragt man sich dann schon, wie nah ist man denn nun dieser person. muss man denn nicht alles in bewegung setzen, damit sich dieser kerl irgendwo wieder auffangen kann?

    lieben gruss,
    maureen

  11. Gedanquill sagt:

    Ich verstehe diese Frage sehr gut.

    Es ist sicher ein guter Charakterzug, sich im entscheidenden Moment ernsthaft zu fragen, ob man helfen kann oder jemanden weiß, der helfen kann.
    Manchmal kann man gar nicht ohne weiteres helfen, sondern zunächst nur Hilfe anbieten und sich kümmern. Ob aus sich Kümmern wirklich Hilfe entsteht, ist eine weitere Frage, die erst mit der Zeit beantwortet werden wird.
    Entscheidet man sich in diesem Moment dagegen zu helfen, vielleicht, weil man selbst Hilfe braucht oder weiß, dass man damit andere, für die man Verantwortung trägt, in Gefahr bringt, finde ich es akzeptabel, wenn man sich dagegen entscheidet. Vielleicht kann man aber andere Hilfe mobilisieren oder wenigsten einen Rat geben und die Sache und die Gefahr offen ansprechen.
    Es bringt meines Erachtens aber nichts, nicht zu helfen und dann auf lange Zeit ein schlechtes Gewissen vor sich herzuschieben. Damit hilft man niemandem. Man kann sich vornehmen, trotzdem noch zu helfen oder in einer neuen Situation anders zu entscheiden.

    Aber wie gesagt, es ist utopisch wenn man sich als Einzelperson per se für alles Elend in der Welt verantwortlich fühlt, aber am Ende niemandem hilft, weil man vor lauter Elend selbst völlig down ist und dann die Hilfe anderer Leute braucht, die einen wieder aufbauen.

    Wenn jeder sich zwei Menschen ausguckt, denen er wirklich hilft und für die er Verantwortung übernimmt, gäbe es wahrscheinlich sehr viel weniger Elend. Ein Ziel muss erreichbar sein, sonst verdrängt man es oder im schlimmsten Fall zerbricht man daran.

    „Liebe Deinen nächsten“ sagt genau das: Wenn jeder wenigstens einen Menschen liebt, dann wird jeder Mensch von einem anderen geliebt.

    Wir sind Menschen, keine Götter.

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